Warum die islamische Welt ins Hintertreffen geriet

13. April 2020 - 12:41

Ruud Koopmans präsentiert in seinem Buch "Das verfallene Haus des Islam" eine wahre Datenflut, um "die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt", wie es im Untertitel heißt, zu erklären. So konstatiert er, dass die islamische Zivilisation in ihren Anfängen weitaus fortschrittlicher als Europa war, mangels Anpassungsfähigkeit aber zunehmend ins Hintertreffen geriet.

Daten aus den vergangenen 50 Jahren als Grundlage
Daten aus den vergangenen 50 Jahren als Grundlage

Im Vergleich zu vorislamischen Zeiten stellte die Scharia etwa für Frauen durchaus eine Verbesserung dar und auch der Korruption der Mächtigen wurden dadurch Grenzen gesetzt. So mag es durchaus verständlich sein, dass sich die Bevölkerung in Afghanistan oder Somalia auch heute oft lieber der Scharia unterstellt als dem Willen irgendeines Warlords. Dennoch erscheint es auch logisch, dass Rechtsvorschriften, die zu Mohammeds Lebenszeit funktionierten, in Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung etwas altbacken wirken.

Westlich orientierte Regierungen scheiterten

Ob der langsame Niedergang der islamischen Welt allerdings nur auf den Einfluss der Religion zurückzuführen ist oder auch auf den westlichen Kolonialismus, wie in den muslimischen Ländern selbst oft behauptet wird, bleibt jedoch offen. Klar ist allerdings, dass die westlich orientierten Regierungen im Nahen Osten scheiterten, zum einen weil sie durchaus korrupt waren, zum anderen aber sicher auch, weil die Mächtigen von Teheran bis Kairo Demokratie nicht für nötig hielten und durchwegs Diktaturen waren. Folglich wandte sich die Bevölkerung von diesen Regierungen ab und der islamische Fundamentalismus gewann stark an Strahlkraft.

Ein Wendepunkt war laut Koopmans das Jahr 1979, als im Iran die Mullahs an die Macht kamen und Extremisten die Große Moschee von Mekka besetzten. Um die Erlaubnis zur Erstürmung der Moschee zu bekommen, ging das saudische Königshauses daraufhin eine enge Kooperation mit dem wahabitischen Klerus ein und exportierte in der Folge diese fundamentalische Form des sunnitischen Islam weltweit. Unter den Folgen dieser von den Saudis finanzierten fundamentalistischen Expansion leiden wir noch heute.

Zweifelsohne hat Koopmans Recht, wenn er die fehlende Trennung von Staat und Religion, die Benachteiligung von Frauen und die Geringschätzung von säkularem Wissen für die Krise in der islamischen Welt verantwortlich macht. Um seine umstrittene These, dass diese Krise auf religiöse Ursachen zurückzuführen ist, zu belegen, verwendet der Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität die vergleichende Methode und stellt jeweils ein muslimisches einem nicht-muslimischen Land von etwa gleicher Größe gegenüber. Hier kann man freilich argumentieren, dass er sich solche Ländervergleiche ausgesucht hat, die seine These untermauern und es auch andere Beispiele geben würde.

Interessante Denkanstöße

Dennoch liefert Koopmans viele interessante Denkanstöße. Die Stärke des Buches, und das unterscheidet es von vielen Werken, die sich mit dem Islam beschäftigen, ist zweifellos die Vielzahl an Daten aus den vergangenen 50 Jahren, die der Autor aufbereitet. Eine Lösung, um sich vom Fundamentalismus zu befreien, sieht Koopmans in einer innerislamischen Reformbewegung, aber auch darin, den Export fundamentalistischer Islamvarianten nach Europa zu verhindern. So erwähnt er hier etwa das österreichische Islamgesetz als vorbildhaft. Eine Reformbewegung im Islam gibt es bis dato jedoch maximal in Ansätzen. Doch auch die Aufklärung in Europa brauchte Jahrhunderte und musste viele Rückschläge verkraften, um den Einfluss der Kirche zurückzudrängen. Warum sollte das also auch nicht in der islamischen Welt möglich sein?

Von Martin Hanser / APA

Service: Ruud Koopmans: "Das verfallene Haus des Islam", Verlag C.H. Beck 2020, ISBN: 978-3-406-74924-7, 288 Seiten

(APA/red, Foto: APA/APA (dpa))

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