Wärterin, Tante, Pädagogin: Neues Buch zu Geschichte der Kindergärten

6. Juni 2019 - 11:05

1830 wurde in Wien die erste "Bewahranstalt" für "Proletarierkinder" gegründet. Wie sich seither Pädagogik und institutionelle Kinderbetreuung in Österreich entwickelt haben, fasst das Buch "Geschichte der Elementarpädagogik in Österreich" auf 224 Seiten zusammen und liefert dazu die historische Einordnung. Es zeigt auch den Weg von "mütterlichen Wärterinnen" zu "Tanten" und Elementarpädagoginnen.

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Institutionelle Kinderbetreuung gab es in Europa ab Ende des 18. Jahrhunderts. Die Bedingungen waren allerdings je nach Zielgruppe sehr unterschiedlich, wie der Band von Katharina Rösler und der Anfang 2018 verstorbenen Elementarpädagogik-Vorkämpferin Heidemarie Lex-Nalis eindrücklich zeigt.

In den neuen bürgerlichen Kleinfamilien, wo der Mann für den Unterhalt und die Frau für das Heim zu sorgen hatte, wurden Erziehung und Bildung der Kinder zum zentralen gesellschaftlichen Thema. Kinder bekamen eigene Räume, Spielzeug und Bücher. Mit Kindergärten entstand für sie ein "pädagogischer Schutz- und Schonraum" für einige Stunden des Tages. Dieser "bürgerliche romantische Kindheitsmythos" prägt laut den Autorinnen im deutschsprachigen Raum das Kindheitsbild und die Debatte darüber bis heute.

Erste "Bewahranstalt" am Rennweg

Für proletarische Kinder waren Betreuungsangebote hingegen vor allem Folge der Industrialisierung: Saisonarbeit im Umfeld von Großfamilie und Nachbarschaft wurde abgelöst vom Hackeln in den Fabriken und Manufakturen. Für Kinder, die noch nicht arbeitsfähig waren, gab es in den neu entstandenen Klein- und Kernfamilien keine angemessene Betreuung mehr. In Wien wurde deshalb 1830 die erste "Bewahranstalt" am Rennweg in Wien-Landstraße eröffnet. Neben solchen spendenfinanzierten Einrichtungen entstanden nach 1848 auch Bewahranstalten der Gemeinde Wien, in denen die Kinder "unter der Aufsicht mütterlicher Wärterinnen" bewahrt und beschäftigt wurden. Man wollte die "Proletarierkinder" aus ihrem Elend befreien und zu gehorsamen Bürgern und brauchbaren Arbeitskräften erziehen. Daneben gab es ab 1849 auch schon Krippen für Säuglinge ab zwei Wochen, außerdem Volkskindergärten und Kinderasyle für Waisen. Als Betreiber spielte die katholische Kirche von Beginn an eine große Rolle und tut das bis heute.

Ab 1914 arbeiteten immer mehr Frauen in der Kriegswirtschaft, als Notlösung entstanden Kriegskindergärten mit teils schlecht ausgebildetem Personal. Zwischen Mitte der 1920er- bis Mitte der 1930er-Jahre verdoppelte sich die Zahl der Kindergärten, die Struktur erinnerte schon sehr an die heutige: Auf dem Land dominierten halbtägige "Normalkindergärten" von Vereinen und Kirche, in den Städten ganztägig geöffnete Volkskindergärten. Im "Roten Wien" hatten die städtischen Kindergärten schon damals von sieben bis 18 Uhr geöffnet, selbst Familiengruppen für Kinder von drei bis sechs wurden bereits erprobt.

Wissensvermittlung war Nebensache

Unter den Nationalsozialisten sollten alle Kindergärten in die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt eingegliedert werden, eine völlige Gleichschaltung scheiterte allerdings an der Vielzahl der Trägerorganisationen. Wissensvermittlung spielte in den Kindergärten in dieser Zeit eine untergeordnete Rolle, es sollte vor allem die kämpferische Einsatzbereitschaft der Kinder geweckt werden.

Nach Kriegsende waren viele Kindergärten zerstört. Die noch vorhandenen Einrichtungen dienten vor allem als Bewahranstalten für Kinder, deren Mütter beim Wiederaufbau gefordert waren. Überhaupt galt der Kindergarten- und vor allem der Krippenbesuch bis in die 1960er als Notlösung, auch wenn in der Praxis durch den Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen und als Folge der Neuen Frauenbewegung immer mehr Einrichtungen entstanden.

Von liebevoller Pädagogik war man in den 1960ern teils noch weit entfernt, zeigt eine Schilderung des Alltags in einem städtischen Wiener Kindergarten durch Mitautorin Lex-Nalis. Damals mussten Kinder eine Stunde lang am Topferl sitzen, weinende Kinder durften nicht getragen werden. Noch bis in die 1970er waren Disziplin und Gehorsam oberstes Bildungsziel, als Gegenbewegung entstanden damals elternverwaltete Kindergruppen und antiautoritäre Kinderläden. Erst ab den 1980ern wurde der Kindergarten von der Notwendigkeit zur selbstverständlichen familienergänzenden Einrichtung.

Witwen und Ordensschwestern im Einsatz

Auf die Ausbildung des Personals wurde lange kein besonderes Augenmerk gelegt und lag in der Hand der jeweiligen Betreiber. Zum Einsatz kamen etwa Witwen, Ordensschwestern oder einfach Frauen mit "Mutterliebe und Muttersinn". Die erste Fachausbildung gab es 1868, ab Ende des 19. Jahrhunderts folgten an den Lehrer-Bildungsanstalten auch öffentliche Angebote.

Der Beruf wurde in Österreich noch bis in die 1950er als Übergangslösung für unverheiratete Frauen gesehen. Doch selbst im 21. Jahrhundert ist er laut den Autorinnen "im Spannungsfeld zwischen 'Mütterlichkeit' und 'Professionalität'". Zeitgemäß ist die Ausbildung an den heutigen "Bildungsanstalten für Elementarpädagogik" laut Mitautorin Lex-Nalis trotz aller Weiterentwicklungen - Einführung von Kollegs, Verlängerung der Ausbildung auf zuerst vier, dann fünf Jahre - bis heute nicht. Die Lehrerinnen würden "ein uraltes Frauenbild" darstellen, deshalb seien auch viele Pädagoginnen "innerlich noch sehr die Tante".

Männer hatten übrigens erst ab 1980 Zugang zur Ausbildung, die Pioniere sorgten für entsprechende Irritation. Man war sich unklar, ob auch sie Schürzen tragen sollten wie ihre Kolleginnen, die Kinder sprachen sie aus Gewohnheit mit "Tante" an. Derzeit liegt der Anteil an männlichen Elementarpädagogen unter zwei Prozent.

Service: Heidemarie Lex-Nalis, Katharina Rösler (Hg.): Geschichte der Elementarpädagogik in Österreich, Beltz Juventa Verlag, 224 Seiten, 29,95 Euro

(APA/red, Foto: APA/Beltz Juventa Verlag)


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