Studie: Corona-Pandemie verunsicherte junge Erwachsene massiv

16. Juli 2020 - 12:41

Eine Mischung aus Einsamkeit, Trostlosigkeit und Sorge, dass der Alltag und die nahen Beziehungen auseinanderbrechen, haben während der Coronavirus-Pandemie vor allem junge Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren belastet. Das besagen Teilergebnisse einer Studie der Soziologin Barbara Rothmüller über "Intimität und soziale Beziehungen in der Zeit physischer Distanzierung".

Hohe psychosoziale Belastungen für junge Menschen
Hohe psychosoziale Belastungen für junge Menschen

Jugendliche wohnen meist mit anderen Familienmitgliedern unter einem Dach, haben ein großes soziales Netzwerk und kennen sich bestens mit digitalen Kommunikationswegen aus. Dennoch belastete sie die Phase der Ausgangsbeschränkungen. "Die Ergebnisse sind deswegen so überraschend, weil eine höhere Einsamkeit für ältere Menschen wissenschaftlich sehr gut belegt ist. In der Zeit des Lockdowns waren die psychosozialen Belastungen für junge Menschen aber hoch, trotz durchschnittlich mehr Vertrauenspersonen und einem größeren sozialen Netzwerk", erklärte die Soziologin Barbara Rothmüller von der Sigmund Freud Universität Wien gegenüber der APA. Die Online-Befragung zum Sozialleben fand während der Ausgangsbeschränkungen im April 2020 statt. Insgesamt nahmen 4.700 Personen in Österreich (66 Prozent) und in Deutschland (34 Prozent) an der Untersuchung teil, darunter 2.074 Personen unter 31 Jahren.

Qualität sozialer Beziehungen entscheidend

Welche Auswirkungen das Zusammenleben während des Lockdowns hatte, hing von der Qualität sozialer Beziehungen ab. Jugendliche und junge Erwachsene verbrachten teilweise sehr viel mehr Zeit mit der Familie als vor den Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. "Bei Personen, die zur Zeit des Lockdowns mit ihren Eltern zusammenwohnten, war die Stimmung im Haushalt schlechter als in Haushalten von Paaren und Freunden. Nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten bis 30 Jahren hat diese Zeit im elterlichen Haushalt genossen und Spaß gehabt. Das gilt in ähnlicher Weise auch für Menschen, die mit Kindern im Haushalt lebten", so Rothmüller. Auch in intimen Beziehungen (Eltern, Freunde, Partner) haben bei jungen Befragten die Konflikte stärker zugenommen als bei den Älteren. Trotzdem beschrieben einige Jugendliche in der Studie, dass sie die Beziehung zu ihrer Familie und zu den Partnern auch vertiefen konnten. Je jünger die Befragten waren, desto größer war ihre Haushaltsgröße. So lebten nur 22 Prozent der Personen bis 20 Jahre in einem Ein- oder Zweipersonen-Haushalt, bei den Über-60-Jährigen waren es 90 Prozent.

Aufgrund der Kontaktbeschränkungen hatten viele junge Erwachsene Sorge, dass ihre nahen Beziehungen auseinanderbrechen. Fast die Hälfte der Jugendlichen gab in der Befragung an, seltener Kontakt zu ihren aktuellen romantischen Beziehungspartnern zu haben als vor dem Lockdown. "Vor allem die Paarbeziehungen Jugendlicher haben unter den Ausgangsbeschränkungen gelitten, auch weil nur sechs Prozent der Befragten von 14 bis 18 Jahren mit dem Partner oder der Partnerin zusammenwohnten. Aber auch weil Eltern einen persönlichen Kontakt teilweise nicht unterstützt haben", weiß die Soziologin. "Das hat zur Einsamkeit beigetragen, weil die Nähe zu romantischen Beziehungspersonen sehr wichtig für das psychosoziale Wohlbefinden von Menschen in der Zeit des Lockdowns war." Während der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen hatten Befragte bis 20 Jahre sehr häufig ein hohes Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Berührung, waren aber mehrheitlich unzufrieden mit dem Ausmaß intimer Nähe. Mehr als die Hälfte der Befragten bis 20 Jahre konnte ihre Liebesbeziehung kaum oder gar nicht so leben, wie sie wollten. Bei der Altersgruppe zwischen 21 und 30 Jahren war es rund ein Drittel. Hinzu kommt, dass ein Großteil der jungen Erwachsenen auf persönliche Treffen mit Freunden verzichteten.

Jüngere sexuell experimentierfreudiger

Neben romantischen und freundschaftlichen blieben auch sexuelle Beziehungen bei mehr als der Hälfte der jungen Erwachsenen auf der Strecke. Bei Alternativen für persönlich gelebte Sexualität zeigten sich Jüngere experimentierfreudiger und sie probierten auch neue Praktiken vier Mal häufiger aus als Ältere. Beim Versand sexueller Nachrichten waren die bis 20-Jährigen mit 41 Prozent doppelt so aktiv wie die über 60-Jährigen. Auch bei sexuellen Gesprächen am Telefon, dem Versand von Nacktfotos oder sexuellen Videos zeigten die Jüngeren weniger Scheu. Über die digitale Sicherheit im Netz und den persönlichen Schutz machten sich junge Erwachsene zwar häufig Gedanken. "Insgesamt sind es aber relativ wenige, die explizit mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin darüber sprechen, was mit dem Bildmaterial eigentlich passieren soll, oder die bei neuen Kontakten online darauf achten, dass sie auf dem Material nicht wiedererkennbar sind und ihren Namen geheim halten. Das erscheint aufgrund der hohen Affinität zu digitalen Technologien seitens der Jugendlichen wenig", erklärt Rothmüller, die in weiterer Folge eine Anleitung für den sicheren Umgang mit sexuellen Praktiken im Netz plant.

Die Studie wurde in Kooperation mit dem Institut für Statistik der Sigmund Freud Universität (Wien) und dem Kinsey Institute der Indiana University, Bloomington (USA) durchgeführt und ist nicht repräsentativ. Der Altersschnitt der Befragten betrug 35 Jahre. Die Mehrheit der Teilnehmenden waren Frauen (68 Prozent), hatte einen hohen Bildungsabschluss (63 Prozent Hochschule, 26 Prozent Gymnasium bzw. Höhere Schule), lebte in einer verbindlichen Beziehung (58 Prozent) bzw. wohnte in einem Mehrpersonenhaushalt (67 Prozent).

(APA/red, Foto: APA/APA (dpa))

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