Omikron und Impfpflicht für Zeitlinger zwei Paar Schuhe

13. Januar 2022 - 7:59

Die durch die Omikron-Variante veränderten pandemischen Umstände ändern für den Wiener Klinischen Pharmakologen Markus Zeitlinger nicht grundsätzlich etwas in der Diskussion um die Impfpflicht. Unabhängig davon, wie man dazu steht, sei Omikron vermutlich nur wenig harmloser als Delta. Die Impfungen seien gegen die neue Variante zudem noch immer wirksam, wenn auch abgeschwächt. Dass Österreich nun mit vielen frisch geboosterten Personen in die Omikronwelle geht, sei ein Glück.

Wären weniger Menschen geimpft, wäre die Situation deutlich dramatischer
Wären weniger Menschen geimpft, wäre die Situation deutlich dramatischer

Die Sinnhaftigkeit einer Impfpflicht, wie sie hierzulande kommen soll, möchte der Vorstand der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Wien nicht grundsätzlich bewerten. Er wolle keine Lanze für oder gegen das Vorhaben brechen, sagte er zur APA: "Das ist eher eine politische Entscheidung." Zeitlinger hält es aber für einen Fehler, die Auseinandersetzungen zur Impfpflicht mit der Bewertung von Omikron zu vermischen. Auch schon alleine deshalb, da die ab Februar geplante Pflicht für die sich jetzt stark aufbauende Welle zu spät komme.

Abgesehen davon könne man aus wissenschaftlicher Sicht nicht sagen, dass eine Impfpflicht vor Omikron sinnvoller gewesen wäre als jetzt im Angesicht der neuen, ansteckenderen Variante. "Das hat sich für mich nicht ergeben", sagte Zeitlinger.

Nicht zu harmlos für Impfpflicht

So würde er die Frage, ob Omikron quasi "zu harmlos" ist, um eine Impfpflicht zu rechtfertigen, nach dem aktuellen Stand der Forschung "eindeutig mit Nein" beantworten. Die ersten internationalen Daten weisen zwar auf einen niedrigeren Anteil an mit Omikron infizierten Personen, die eine Spitals- oder gar Intensivbehandlung brauchen, im Unterschied zu vorherigen Wellen mit anderen SARS-CoV-2-Varianten hin. Daten aus Südafrika oder verschiedenen europäischen Ländern weisen hier 50 bis 65 Prozent geringere Wahrscheinlichkeiten aus. Das könnte aber auch damit zusammenhängen, dass in früheren Wellen insgesamt asymptomatische Infizierte weniger oft entdeckt wurden, was die Hospitalisierungsraten jetzt nochmals niedriger und die Variante "scheinbar harmloser" aussehen lassen könnte.

"Auf der anderen Seite haben wir aber mehrere Länder, wie die USA, Frankreich, Spanien oder Italien, die alle das Phänomen haben, fast auf ihrer Allzeit-Höchstzahl bei den absoluten Hospitalisierungszahlen zu sein, obwohl auch dort prozentuell weniger Infizierte im Spital landen. Einfach, weil sich in so kurzer Zeit so viele mit Omikron infiziert haben", erklärte Zeitlinger.

Schutz durch Impfung

Das vorgebrachte Argument, dass Impfungen nicht mehr wirken würden, halte ebenfalls nicht. Dies lasse sich auch daran ablesen, dass die Hospitalisierungen eben nicht gleich anstiegen, als sich Omikron in Österreich kurz vor Jahreswechsel zur dominanten Variante aufgeschwungen hat. Auch machten die Inzidenzen unter den Geimpften keinen markanten Sprung. Es landen hierzulande auch ganz klar weiter sehr viel mehr Ungeimpfte auf Intensivstationen.

Wären weniger Menschen in Österreich geimpft, wäre die Situation jetzt schon deutlich dramatischer. Die Schutzraten gegenüber Hospitalisierungen liegen nämlich bei kürzlich dreifach Geimpften mit mRNA-Impfstoffen auch bei Omikron laut ersten Daten aus Großbritannien noch bei 80 Prozent. All das verdeutlicht aber auch, "dass Omikron nicht harmlos ist, auch wenn vermutlich einen Tick weniger gefährlich als Delta", so Zeitlinger.

Leider sinkt die Schutzwirkung bei doppelt Geimpften gegenüber Omikron wenige Monate nach dem Zweitstich deutlich ab. Neue Daten zeigen zwar, dass der Booster die Wirkung wieder stark anhebt, nach rund zehn Wochen aber wieder auf rund 50 bis 60 Prozent absinkt. "Die Impfung wirkt also, wenn man dreifach geimpft ist, grundsätzlich sehr gut", so Zeitlinger.

Dass nun in Österreich die Omikron-Welle gerade relativ viele Leute trifft, die sich gegen Jahresende boosten ließen, sei ein glücklicher Zufall und helfe in der aktuellen Situation. "Wahrscheinlich hätte uns Omikron vor ein paar Monaten schlimmer erwischt. Irgendwann muss man aber auch mal Glück haben", so der Forscher.

Durchseuchung keine Lösung

Die Erzählung, dass die ansteckendere Variante jetzt so und so die gesamte Bevölkerung heimsuchen wird, und dann alle auf absehbare Zeit geschützt sind, stimme laut Zeitlinger ebenso nicht: "Es werden sich sehr viele infizieren, das ist richtig - aber auch nicht alle." Wie lange der so aufgebaute Schutz aufrecht bleibt und Genesene quasi "aus dem Schneider sind", könne man nicht sagen, "es fehlen uns einfach auch die Daten für diese Variante". Zudem gelte weiter, dass eine durchgemachte Erkrankung weit höhere Risiken in sich birgt als die Impfung.

Nicht zuletzt sei auch nicht damit rechnen, dass die Pandemie nach der Omikron-Welle vorbei ist, wie manche in den Raum stellen. Im Gegenteil, die nun weltweit hohen Zahlen bereiten den Nährboden für weitere Varianten, deren Gefährlichkeit offen ist. Es brauche daher endlich eine längerfristige Strategie, die ohne hohe Durchimpfungsraten undenkbar sei. "Die Impfung bringt einfach eine Grundimmunisierung, mit der ich prinzipiell alle Bevölkerungsanteile erreichen kann", so Zeitlinger. Für etwaige neue Varianten würden dann angepasste Auffrischungsimpfstoffe ausreichen, wie sie auch für Omikron kommen werden.

(APA/red, Foto: APA/APA/HERBERT NEUBAUER)

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