Von Mathe-Monstern und Zahlenzauberinnen: Ian Stewarts "Größen der Mathematik"

8. November 2018 - 10:41

Wie wird man ein guter Mathematiker? Diese Frage stellt sich der britische Schriftsteller Ian Stewart in seinem neuen Buch "Größen der Mathematik". 25 Kapitel und genauso viele bedeutende Mathematiker später weiß der Leser: Die Formel, die das mathematische Genie beschreibt, wurde noch nicht gefunden.

Stewart arbeitet sich durch zwei Jahrtausende der Mathematik-Geschichte
Stewart arbeitet sich durch zwei Jahrtausende der Mathematik-Geschichte

Chronologisch arbeitet sich Stewart durch zwei Jahrtausende, von Archimedes im antiken Syrakus 287 Jahre vor Christus bis zum Tod von William Thurston im Jahr 2012. Die 25 Beschriebenen haben nur wenig gemeinsam. Manche wurden arm geboren, andere hatten ein vermögendes Elternhaus. Manche wurden in ihrem Streben unterstützt, andere zurückgehalten. Manche zeigten schon in der Kindheit mathematisches Talent, andere erst sehr viel später. Bei nur drei Frauen von 25 drängt sich der Verdacht auf, dass es zumindest hilfreich war, männlich zu sein.

Geschichte(n) der Mathematik

Wer sich mit Grauen an seine Schulzeit zurückerinnert, dem sei versichert: Es handelt sich hier nur zum Teil um ein Lehrbuch. Wie der Untertitel "25 Denker, die Geschichte schrieben" schon erahnen lässt, handelt es sich mehr um eine Mischung aus Geschichtebuch und Biografie. Die 25 Denker haben nicht nur Geschichte geschrieben, sie haben sie erlebt. Sie führen den Leser von der Antike über die Renaissance durch den zweiten Weltkrieg und zurück in die Zukunft.

Die Geschichte von Girolamo Cardano liest sich tatsächlich eher wie eine Folge von Game of Thrones gekreuzt mit einer Episode von Sturm der Liebe. Nach einer erfolglosen Abtreibung als uneheliches Kind im Italien des 16. Jahrhunderts geboren (der Vater ein Choleriker und Freund Leonardo da Vincis, die Mutter tief religiös und leicht beleidigt), brillierte Cardano als Mediziner und Mathematiker, verspielte das Vermögen seiner Frau und landete für kurze Zeit im Armenhaus. Sein ältester Sohn vergiftete seine eigene Ehefrau und wurde anschließend gefoltert und enthauptet, der jüngere brach bei ihm ein und stahl sein Geld. Nachdem er sein eigenes Todesdatum für den 21. September 1576 vorhergesagt hatte, nahm er sich schließlich am entsprechenden Tag das Leben, um seine Prophezeiung zu erfüllen.

Dreihundert Jahre und einige Kapitel später betritt die erste weibliche Mathematikerin die Bühne. Die Geschichte der sogenannten "Zahlenzauberin" Augusta Ada King beginnt - es klingt ein wenig wie Anna Karenina - mit den Worten "Es war keine glückliche Familie." Augusta war die Tochter des Dichters Lord Byron, der seine Frau verließ, weil sie ihm statt eines männlichen Erben eine Tochter gebar. Um das Kind vom Vater zu entfremden, drängte die Mutter sie zur Mathematik statt zur Kunst. Sie gilt als die erste Computerentwicklerin, da sie eine analytische Maschine dazu bringen wollte, jede erdenkliche Aufgabe, von komplizierten Berechnungen bis zur Komposition von Musikstücken, zu erledigen. Der Mathematiker Charles Baggage schrieb nach ihrem frühen Krebstod: "Vergesst diese Welt und alle ihre Probleme und möglichst auch ihre zahlreichen Scharlatane - kurz gesagt, alles bis auf die Zahlenzauberin."

Zwischen Genie und Wahnsinn

Sie erfanden Kriegsmaschinen (Archimedes). Sie kreierten Damenmode (Thurston). Sie waren "mathematische Monster" (Poincaré). Sie wurden verrückt genannt, und sie wurden verrückt. Von Sofija Kowalewskaja, der ersten großen Dame der Mathematik, deren Kinderzimmer aus Tapetenmangel mit den Seiten eines mathematischen Lehrbuchs beklebt war und die sich mit sechs Jahren selbst das Lesen beibrachte; über Kurt Gödel, der sich zu Tode hungerte, als seine Frau nicht mehr für ihn kochen konnte; hin zu Alan Thuring, der den Enigma-Code der Deutschen knackte, so den zweiten Weltkrieg um rund vier Jahre verkürzte und wegen seiner Homosexualität einer Hormonbehandlung unterzogen wurde, gibt das Buch Einblicke in vergangene Gesellschaften und faszinierende Persönlichkeiten.

Die Formeln, Gleichungen und Variablen, die sich immer wieder über die Seiten ziehen, lassen sich getrost ausblenden und überspringen. Das ist zwar bestimmt nicht im Interesse des Autors, erlaubt aber auch dem mathematisch nur maturantisch Bewanderten ein angenehmes Lesevergnügen.

Service: Ian Stewart: "Größen der Mathematik", rowohlt Verlag, 480 S., 12,00 Euro, ISBN: 978-3-499-63394-2

Von Anna Riedler / APA-Science

(APA/red, Foto: APA/rowohlt)



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