Komplexe Behandlungslösungen für komplexe Erkrankungen

12. Oktober 2020 - 8:41

In Zeiten von Covid-19 ist "Big Pharma" mit seinen Milliardenkonzernen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Abseits von umkämpften Geschäftsfeldern aber bringen Präzisionsmedizin und Therapien für komplexe Erkrankungen völlig neue Zukunftsaussichten. Das Wiener Unternehmen AOP Orphan macht damit 150 Millionen Euro Umsatz, die globale Präsenz wird ausgebaut, erklärte AOP Orphan-Geschäftsführer Andreas Steiner jetzt gegenüber der APA.

20 Prozent des Umsatzes wird in Forschung und Entwicklung gesteckt
20 Prozent des Umsatzes wird in Forschung und Entwicklung gesteckt

Die Entwicklung des 1996 gegründeten und in Privatbesitz befindlichen Unternehmens verlief bisher eher abseits großer Öffentlichkeitsauftritte. Das dürfte jetzt anders werden. "Wir erreichen heuer einen Umsatz von 150 Millionen Euro. Nächstes Jahr sollen es 200 Millionen Euro sein, im Jahr 2030 eine Milliarde Euro", erklärte Steiner. "20 Prozent unseres Umsatzes stecken wir in Forschung und Entwicklung."

Was AOP Orphan von den Großkonzernen abhebt, wie der CEO erklärte: "Wir widmen uns der Entwicklung und der Versorgung von Patienten mit komplexen Erkrankungen. Wir haben jetzt im dritten Quartal die Wiener Amomed Pharma GmbH sowie Scipharm (S.a.r.l.; Luxemburg; Anm.) übernommen. Scipharm ist beispielsweise seit Jahren in der Entwicklung von Medizinprodukten tätig, zum Beispiel implantierbare Arzneimittelpumpen mit Fernsteuerung."

Fokus auf vernachlässigte Erkrankungen

In der Vergangenheit habe man sich auf Mittel- und Osteuropa konzentriert, nun wurde daraus eine gesamteuropäische Präsenz. "Wir beschäftigen uns mit sonst vernachlässigten Erkrankungen, bei denen es bisher noch Mangel an guten Behandlungsmöglichkeiten gibt", erklärte Forschungs- und Entwicklungschef Christoph Klade, der ursprünglich aus der Biotechnologie (Intercell Wien) kam.

Ein aktueller Meilenstein, so Steiner: "Wir haben im Februar 2019 die EU-Zulassung für ein neues pegyliertes Interferon Alpha, Ropeginterferon alfa-2b, erhalten." Eingesetzt wird das Medikament erfolgreich bei einer seltenen Bluterkrankung, der Polycythaemia Vera, bei der es zu einer krankhaften Vermehrung der roten Blutkörperchen mit Thrombosen als Komplikation kommt.

"Ropeginterferon alfa-2b hat eine extrem lange Halbwertszeit. Das reduziert die bei einer Interferon-alpha-Therapie auftretenden Nebenwirkungen", sagte Klade. Die Verabreichung erfolgt durch eine Art Pen, zunächst alle zwei Wochen, dann nur noch einmal im Monat. Die gleichbleibenden Wirkspiegel dürften der Grund für die bessere Verträglichkeit sein.

Klinische Studien

In mehreren klinischen Studien befindlich ist der ultra-schnell und kurz wirkende Beta-Blocker Landiolol. Die Zulassung besteht für die Behandlung von Tachykardien ("Herzrasen"), wobei das Medikament in klinischer Prüfung für die Behandlung von Patienten auf Intensivstationen mit septischem Schock steht. "Etwa die Hälfte unserer klinischen Studien werden in unserem Auftrag durchgeführt, die andere Hälfte sind rein akademische Studien von Wissenschaftern, die von ihnen völlig unabhängig erstellte Hypothesen überprüfen wollen, wobei AOP Orphan das Produkt-Know-how zur Verfügung stellt", erklärte der Forschungschef.

Eine komplexe Krankheit ist auch die pulmonal-arterielle Hypertonie ("Lungenhochdruck"). "Hier setzen wir auf integrierte Therapiekonzepte. Eines der eingesetzten Medikamente ist Treprostinil, das über Pumpen abgegeben wird. Scipharm entwickelt eine implantierbare Arzneimittelpumpe, bei welcher der Durchfluss per remote control gesteuert werden kann. Für Patienten bieten wir eine 24-Stunden-Experten-Hotline für Rat und Auskünfte an, die im Notfall auch konkrete Hilfe durch medizinisches Fachpersonal organisiert", erklärte Steiner.

Während Ropeginterferon alfa-2b auch zur Behandlung anderer hämatologischer Erkrankungen, zum Beispiel bei der Chronisch-myeloischen Leukämie (CML) in klinischer Prüfung steht, geht bei einem Vitamin A-Präparat (Retinol) um die Bronchopulmonale Dysplasie, die vor allem bei Frühgeborenen (28. Schwangerschaftswoche) auftritt.

Phase-II

In Phase-II-Prüfung an Patienten befindet sich mit Selisistat auch eines der ersten potenziellen Medikamente bei der bisher unbehandelbaren Huntington-Erkrankung. Huntington's Disease wird durch die Aggregation des Proteins Huntingtin in Nervenzellen des Gehirns hervorgerufen. Sogenannte Sirtuin-Inhibitoren wie Selisistat sollen hier regelnd eingreifen. Es gibt aber auch Hypothesen, wonach auf diesem Weg auch die ACE-Rezeptoren in der Lunge herunterreguliert werden könnten, was eventuell bei Covid-19 helfen könnte.

Die klinischen Studien von AOP Orphan erfolgen in der Abwicklung vor allem über Auftragsunternehmen. "Die Planung und Auswertung und Steuerung geschieht aber ausschließlich durch uns", erklärte Steiner. "Forschung findet im Kopf statt, nicht im Reagenzglas." Das werde aber von Forschungsförderungsinstitutionen in Österreich oft ignoriert. "Die sagen: 'Ihr hab ja keine Labors.'" Das sei einfach ein falscher Ansatz.

(APA/red, Foto: APA/APA (AFP/Savary))

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