Forscher fanden älteste Überreste von Denisova-Menschen

25. November 2021 - 17:05

Da von den Denisova-Menschen bisher kaum Überreste aufgetaucht sind, stellen die Zeitgenossen des Neandertalers ein großes Fragezeichen in der menschlichen Entwicklung dar. Ein Forschungsteam mit in Wien tätigen Wissenschaftern hat nun weitere Knochenstücke vom Ort der ersten Funde in Sibirien identifiziert. Darunter befinden sich die mit rund 200.000 Jahren ältesten Zeugnisse der rätselhaften Bewohner und ihrer Lebenswelt.

Denisova 17 gehörte einem Neandertaler, Denisova 19-20-21 Denisovanern. Von Denisova 18 wurde keine DNA konserviert, daher wurde sie Homo sapiens zugeordnet.
Denisova 17 gehörte einem Neandertaler, Denisova 19-20-21 Denisovanern. Von Denisova 18 wurde keine DNA konserviert, daher wurde sie Homo sapiens zugeordnet.

Vor elf Jahren wurde auf Basis von DNA-Analysen klar, dass es sich bei in der sibirischen Denisova-Höhle im nordwestlichen Altai-Gebirge gemachten Funden um eine bisher unbekannte Art von Frühmenschen handelt. Zusammen mit den Neandertalern gelten die Denisovaner als die nächsten ausgestorbenen Verwandten heute lebender Menschen. Ein internationales Forscherteam um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erbrachte damals den Nachweis nur anhand eines Fingerknochens eines Mädchens.

Bis heute sind Funde extrem rar. Trotzdem ist so manches über den Denisova-Mensch bekannt. So etwa, dass der letzte gemeinsame Vorfahre mit dem Neandertaler vor 440.000 bis 390.000 Jahren gelebt haben muss. Wie auch der Neandertaler haben die Denisovaner Teile ihres Erbguts beispielsweise in heute lebenden Ureinwohnern Sibiriens, Ost- und Südostasiens, Australiens oder in Amerika hinterlassen. Das lasse den Rückschluss zu, dass sich der moderne Mensch mindestens zwei Mal mit dem Denisova-Mensch vermischt hat, und er vielleicht einst in Asien und Ozeanien weit verbreitet war.

3.800 Knochenfragmente untersucht

Um die dünne Datenbasis etwas zu erweitern, hat das Team um Erstautorin Samantha Brown von der Universität Tübingen und der Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre auch an der Universität Wien tätige Kollegin Katerina Douka rund 3.800 Knochenfragmente von Tieren und Menschen aus der Denisova-Höhle mit einem aufwendigen genetischen Verfahren untersucht. Dabei wurde klar, dass fünf weitere Knochenreste von Urmenschen stammen. Aus vier Fragmenten konnten die Forscher ausreichend Erbgut für weitere Untersuchungen gewinnen, schreiben sie in ihrer Arbeit im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution".

"Schon der Fund eines neuen menschlichen Knochens wäre cool gewesen", so Brown in einer Aussendung, dass es aber gleich fünf geworden sind "übersteigt meine wildesten Träume". "Wir waren erstaunt, dass wir neue menschliche Knochenfragmente in derart alten Ausgrabungsschichten gefunden haben, die tatsächlich intakte Biomoleküle ausweisen", sagte Douka. Bisher sei es noch nicht oft gelungen, überhaupt derart altes Erbgut zu analysieren.

Drei Denisovaner, ein Neandertaler

Drei der Fragmente trugen mitochondriale DNA von Denisovanern, eines jene von Neandertalern. Letzterer Fund ist mit einem Alter von 130.000 bis 150.000 Jahren aber deutlich jünger als die drei "neuen" Denisovaner. Dass es einen Austausch zwischen den beiden Frühmenschen-Arten gab, wurde schon früher entdeckt. Die neue Studie untermauert dies weiter. In der Region dürften sich zwischen 200.000 und 50.000 Jahren vor unserer Zeit immer wieder Denisovaner und Neandertaler aufgehalten haben, so die Wissenschafter.

Die drei Denisova-Menschen haben die Höhle vor rund 200.000 in einer Zwischeneiszeit bewohnt, in der es ähnlich warm war wie heute. Damals gab es in dem Gebiet Wälder und Steppen. Dies spiegelte sich auch in den Tieren wieder, auf die es die damaligen Menschen abgesehen hatten. So fanden sich in der Höhle Überreste von Sibirischen Rehen, von Rothirschen oder vom ausgestorbenen Riesenhirsch. Neben diesen eher in Wäldern anzutreffenden Tieren stellten sie aber auch Tieren nach, die eher offene Landschaften bevorzugten. Darunter waren Wildpferde, Gazellen oder heute ausgestorbene Steppenbisons und Wollnashörner.

Häufig gefundene Überreste von Wölfen und Rothunden legen nahe, dass die Höhle auch von Raubtieren genutzt wurde und diese vielleicht sogar mit den Frühmenschen um die Behausung konkurriert haben. Mit den vielen gefundenen Steinwerkzeugen aus jener Zeit wurden u.a. Tierfelle behandelt. Die Steinwerkzeuge passen laut den Forschern kaum zu bekannten Funden aus jener Zeit aus Nord- oder Zentralasien, sondern eher noch zu aus dem Nahen Osten bekannten derartigen Relikten.

Am ehesten fänden sich heute noch Spuren des Erbgut der ältesten bisher gefundenen Denisovaner in der DNA von Menschen aus südostasiatischen Inseln und aus Neuguinea. Insgesamt sei daher naheliegend, dass diese Menschen schon recht früh weite Teile Asiens bis in die Höhen des tibetanischen Plateaus - wo ein Unterkiefer gefunden wurde - bewohnten. Das sei nur möglich gewesen, wenn sie auch die Fähigkeit hatten, sich gut an neue Umgebungen anzupassen, schreiben die Wissenschafter, unter denen sich auch der an der Uni Wien tätige Archäologe Tom Higham findet. Mit der neuen Hightech-Methode zum Aufspüren von genetischen "Fingerabdrücken" habe man nun die Möglichkeit, "mehr menschliche Fossile aufzuspüren als bei herkömmlichen archäologischen Ausgrabungen". Dies sei ein "technischer Durchbruch in der Paläolithischen Archäologie", so Higham.

Service: https://doi.org/10.1038/s41559-021-01581-2

(APA/red, Foto: APA/S.Brown/Nature Ecology&Evolution)

tutor18

Studium.at Logo

© 2010-2021  Hörsaal Advertainment GmbH

Kontakt - Werbung & Mediadaten - Datenschutz - Impressum

Studium.at versichert, sämtliche Inhalte nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und aufbereitet zu haben.
Für etwaige Fehlinformationen übernimmt Studium.at jedenfalls keine Haftung.