Expertin: Feinmotorik und Handschrift wegen Digitalisierung vernachlässigt

23. Mai 2019 - 9:41

Jeder dritte Volksschüler hat laut einer aktuellen deutschen Studie Probleme mit der Handschrift. Diese Zahlen könne man eins zu eins auf Österreich umlegen, ist sich Stefanie Hinterberger, Pädagogin und Leiterin des Instituts Lernstark aus Wels, sicher. Mit APA-Science hat die ehemalige Volksschullehrerin über Ursachen und Therapien von Schreibproblemen gesprochen, und über EduPen, einen digitalen Stift, der Schreibmotorik misst und auswertet.

EduPen wertet Druck, Tempo, Rhythmus, Form sowie Grob- und Feinmotorik aus
EduPen wertet Druck, Tempo, Rhythmus, Form sowie Grob- und Feinmotorik aus

"Wenn die Kinder mit der Volksschule anfangen und man sie fragt, worauf sie sich freuen, sagen sie meistens 'Auf's Schreiben'", erklärt Hinterberger. "Wenn ich aber später im Semester frage, schreibt kaum ein Kind mehr gerne, weil sie dabei nur noch Schmerzen haben." Das liege an schlecht ausgeprägter Handmotorik, da zu wenig Arbeiten mit den Fingern verrichtet würden und die Hand so nicht aufs Schreiben vorbereitet würde - Schuhbänder würde beispielsweise häufig durch Klettverschlüsse ersetzt. Hier müsse schon im Kindergarten und auch im Elternhaus angesetzt werden, betont Hinterberger und zieht einen Vergleich zum Sport: "Man muss zuerst die Handmuskeln trainieren, damit die Handschrift funktionieren kann." Je früher man damit beginnt, desto besser - in einer dritten Klasse dauere eine Therapie viel länger, als wenn man bereits im Kindergarten darauf achtet. "Da besteht noch Nachholbedarf", so die Expertin.

Schreibtherapie ist es auch, was Hinterberger auf ihrer Webseite http://www.lernstark.at anbietet. Von Legasthenie bis Dyskalkulie erstellt Hinterberger gezielte Trainingsprogramme, um Defizite ausgleichen zu können. Oft ist das Problem aber gar keine Rechtschreibschwäche, wie vermutet, sondern motorischer Natur. "Dann brauche ich mit dem Rechtschreibtraining gar nicht anfangen, sondern muss zunächst bei der Motorik ansetzen." Diese motorischen Probleme sind dann oft mit kleinen Änderungen wie der Stifthaltung oder auch der Blattlage bei einem Linkshänder behoben, die Therapie kann aber auch sehr viel länger dauern und sich über Monate ziehen.

Grund für die schlechte Motorik der Kinder ist zum Teil auch die Digitalisierung, weiß Hinterberger, wo verstärkt mit Smartphone und Tablet hantiert wird. "Die Daumenmuskulatur ist bei den meisten Kindern super ausgeprägt, aber die Feinmotorik in den Fingern dafür ganz schlecht. Sie wird bei ganz vielen Kindern schon im Kleinkinderalter vom Elternhaus vernachlässigt."

Feinmotorik und Handschrift - wozu?

Aber braucht es die Feinmotorik überhaupt? Ja, erklärt Hinterberger und verweist auf die sogenannte "motorische Gedächtnisspur", die im Gehirn beim handschriftlichen Schreiben angelegt wird. Gehirnareale würden dadurch aktiviert und Handbewegungen im Gehirn fest verankert. "Das ist besonders für den Lernerfolg ein riesengroßes Thema. Wenn ein Kind einen Schummelzettel mit der Hand schreibt, weiß es meist, was draufsteht, einfach weil es mit der Hand geschrieben wurde."

Handschrift ist für Hinterberger eine Art Kulturgut, etwas "ganz individuelles, Teil meiner Persönlichkeit." Vom Einkaufszettel bis hin zur eigenen Unterschrift würde es immer gebraucht werden und somit nicht aussterben. Digitalisierungs-Gegner sei sie dennoch nicht, betont sie: "Natürlich bin ich dafür, dass die Kinder auch schon in der Volksschule den Umgang mit digitalen Medien lernen müssen, weil sie damit aufwachsen. Aber sie verlieren ganz viel, wenn gar keine Handschrift mehr entwickelt wird."

Digitaler Stift erleichtert Analyse und Therapie

Der deutsche Schreibwarenhersteller Stabilo steuert dieser Entwicklung ausgerechnet mit einem digitalen Hilfsmittel entgegen: dem EduPen. Der digitale Stift überträgt Geschriebenes in eine dazugehörige App, die Informationen der Handschrift auswertet und am Tablet in Form von einfachen Skalen darstellt. Auf der Bildungsmesse didacta DIGITAL, die von 23. bis 25. Mai 2019 im Design Center Linz stattfindet, wird der digitale Helfer offiziell präsentiert. Hinterberger war eine der ersten, die den Stift schon im Vorfeld erhalten hat. In den rund fünf Monaten, seit die Pädagogin ihn hat, kam er weit über 100 Mal zum Einsatz. "So kann ich für jedes Kind individuell ein Förderkonzept erstellen, das erleichtert meine Arbeit ungemein", erklärt sie.

Die Anwendung ist dabei möglichst simpel gestaltet: Die Testperson schreibt ganz normal auf Papier, das System schickt die Informationen vom Stift automatisch ans Tablet. Ausgewertet werden die schreibmotorischen Kompetenzen Druck, Tempo, Rhythmus und Form, außerdem Grob- und Feinmotorik sowie das Zusammenspiel der beiden. Zusätzlich zur Analyse werden entsprechende Arbeitsblätter zum Ausdrucken bereitgestellt. "Die Testung dauert beim Stift keine fünf Minuten. Ansonsten dauert es monatelang, bis ich herausfinde, bei welchen Parametern der Handschrift das Kind eigentlich Schwierigkeiten hat. Wenn ich sowas zu Beginn der Volksschulzeit mit allen Kindern machen würde, könnte ich die Kinder schnell einschätzen und wüsste sofort, wo ich jedes Kind individuell fördern muss."

(APA/red, Foto: APA/Stabilo Education)


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