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Barbara Stelzl-Marx: Mit Geschichte das Leben von Menschen verändern

7. Januar 2020 - 13:05

Nicht immer erreicht die Arbeit von Wissenschaftern gesellschaftliche Relevanz. Der Grazer Historikerin Barbara Stelzl-Marx gelingt dies durchaus, etwa mit ihrer Forschung über Besatzungskinder, die zu deren Enttabuisierung und Vernetzung beigetragen hat. Für ihre Vermittlungsarbeit wurde sie vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zur "Wissenschafterin des Jahres 2019" gekürt.

Stelzl-Marx hat Anglistik, Russisch und Geschichte studiert
Stelzl-Marx hat Anglistik, Russisch und Geschichte studiert

Ihr ursprüngliches Interesse galt primär den Sprachen und so studierte die am 10. April 1971 in Graz geborene Stelzl-Marx Anglistik, Russisch und Geschichte in ihrer Heimatstadt, in der Folge auch in Oxford, Stanford, Wolgograd und Moskau. Diese Auslandsaufenthalte waren prägend für ihre wissenschaftlichen Interessen. 1991 etwa war sie in Moskau, als gegen Michail Gorbatschow geputscht wurde.

Ferialjob begründete Lebensstellung

Ein Jahr später kam es am Flughafen von Wolgograd zu einer folgenschweren Begegnung: Die Studentin traf dort den Grazer Historiker Stefan Karner, der kurz davor Zutritt zu ehemals sowjetischen Archiven bekommen hatte. "Er sagte: Wenn Sie zurück sind, schauen Sie doch einmal auf der Uni vorbei", erinnerte sich Stelzl-Marx im Gespräch mit der APA an das Treffen und die damit verbundene Hoffnung auf einen Sommerjob in Moskau.

Aus dem vermeintlichen Ferialjob sollte eine Lebensstellung werden: Sie begann am neugegründeten Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung als wissenschaftliche Mitarbeiterin, arbeitet dort später als Postdoc und wurde 2002 Karners Stellvertreterin. Im Frühjahr 2018 folgte sie dem in Ruhestand getretenen Gründer an der Spitze des Instituts und übernahm Anfang 2019 an der Universität Graz eine Professur für europäische Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt Konflikt- und Migrationsforschung.

Forschung zu Krieg und Besatzung

Bereits in ihrer Dissertation (Promotion 1998 an der Uni Graz) hatte sich Stelzl-Marx, die auch Vizepräsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission ist, "Amerikanischen und sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand" gewidmet. Für ihre Habilitation (2010) wechselte sie die Perspektive und beleuchtete erstmals die "Innensicht der sowjetischen Besatzung in Österreich 1945-1955". "Die österreichische Seite der Besatzungszeit war ja bekannt, ich wollte mich aber dem Alltag der Rotarmisten in Österreich widmen, was es für sie bedeutete, in ein gerade noch feindliches, westliches, kapitalistisches Land zu kommen und über den kommunistischen Tellerrand hinauszuschauen", so die Historikerin, die ihre Habil 2012 auch als preisgekröntes Buch ("Stalins Soldaten in Österreich") veröffentlichte.

Aus dieser Arbeit ergaben sich weitere Forschungsprojekte, etwa zu den Besatzungskindern. Stelzl-Marx erinnert sich an die erste internationale Konferenz dazu im Jahr 2012 in Wien, als Betroffene erkannten, dass sie nicht alleine seien. "Da ist eine Frau zu mir gekommen und hat gesagt, sie habe zum ersten Mal in ihrem Leben andere Besatzungskinder getroffen und bisher immer gedacht, sie sei das einzige Kind eines alliierten Soldaten weit und breit." Als Folge dieser Enttabuisierung hätten sich Netzwerke von Menschen mit einer ähnlichen Herkunft entwickelt, die sich nun austauschen und gegenseitig stärken können.

Aus diesem Forschungsschwerpunkt entstand u. a. das EU-Projekt "Kinder des Kriegs im 20. Jahrhundert", das Stelzl-Marx leitete. Mittlerweile läuft ein von der Nationalbank gefördertes Projekt zum Verein Lebensborn, mit dem die Nationalsozialisten zur Geburt von mehr "arischen" Kindern beitragen wollten.

Stelzl-Marx findet es spannend, Themen zu bearbeiten, "die nicht nur wissenschaftlich interessant sind, sondern auch gesellschaftliche Relevanz haben". In diesem Zusammenhang nennt sie ihre Forschungen zum Lager Graz-Liebenau, einer Zwischenstation ungarischer Juden auf dem Weg ins Konzentrationslager Mauthausen im April 1945. 2018 gestaltete sie im GrazMuseum eine Ausstellung zu dem früher praktisch unbekannten Lager, das mittlerweile "Teil des kollektiven Gedächtnisses" der Stadt geworden sei.

Weltkriege, Kalter Krieg, Kinder des Krieges und Migration

Abgesehen vom Lager Liebenau läuft an ihrem Institut eine Fülle an Forschungsprojekten zu den vier Programmlinien Weltkriege, Kalter Krieg, Kinder des Krieges und Migration. Die Themen reichen von den Grazer Straßennamen über den Umgang mit unsichtbaren Teilen der Vergangenheit wie lagerähnlichen Einrichtungen bis zu Spionage, dem Zerfall des Ostblocks 1989 oder der Ost-Politik in der Breschnew-Ära. Im Zusammenhang mit 75 Jahre Kriegsende im Jahr 2020 wird u. a. das Buch "The Red Army in Austria" in Harvard erscheinen.

Privat verbringt die Mutter eines Volksschulkindes gerne Zeit mit ihrer Familie und Freunden, mit Reisen, Lesen und Wandern, Schwimmen, Radfahren und Yoga. Auf ihrem Karriereweg scheint sie nie an die berüchtigten "Gläsernen Decken" gestoßen zu sein. Sie habe aber das große Glück gehabt, am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung auf optimale Rahmenbedingungen gestoßen zu sein: "Am Institut hatte ich von Anfang an die Möglichkeit, innovative Forschungsthemen in einer offenen und flexiblen Umgebung aufgreifen und bearbeiten zu können. Das Besondere dabei war, dass ich mich vorwiegend auf die Forschung konzentrieren konnte."

Sie sei auch für die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren dankbar, sagte Stelzl-Marx und nannte konkret den Abschluss der Partnerschaft mit der Universität Graz und der Stadt Graz, die Übergabe der Institutsleitung und die Professur an der Uni Graz - "das bietet viel Potenzial für weitere relevante Forschungen".

"Krieg hört nicht auf, wenn Waffen schweigen"

Mit einem Plädoyer für die zeitgeschichtliche Forschung stellte sich die "Wissenschafterin des Jahres 2019" vor. Kriege und Konflikte "hören nicht auf, wenn die Waffen schweigen", sagte die Historikerin. Die wissenschaftliche Aufarbeitung vergessener und verdrängter Traumata könne in der Gesellschaft vieles bewirken und dem Vergessen entgegenwirken.

Mit ihrer Forschung, etwa zur Sichtweise von Rotarmisten auf die Besatzungszeit, zu Besatzungskindern oder der Rolle des Lagers Graz-Liebenau im Holocaust sei es auch gelungen, den Finger auf Themen zu legen, die mitunter über Jahrzehnte kaum Beachtung im öffentlichen Dikurs fanden, erklärte sie vor Journalisten in Wien. Vor allem die Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Besatzungskindern habe ihr einmal mehr vor Augen geführt, wie Wissenschaft in das Leben von Menschen und in die Öffentlichkeit hineinwirken könne. Nicht zuletzt habe die Forschungsarbeit zu einer "Enttabuisierung" beigetragen und den einstigen Kindern eine Plattform zur späten Vernetzung gegeben, so Stelzl-Marx.

Fakten statt "Fake News" transportieren

Zur Auszeichnung des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten betonte sie, dass die Wissenschaft vor allem in Zeiten von "Fake News" und Co dazu beitragen müsse, "dass Fakten transportiert werden". Die Zusammenarbeit zwischen Forschern und Medien sei daher seit den 1990er-Jahren ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Vieles habe sie hier von ihrem Vorgänger als Institutsleiter und dem "Wissenschafter des Jahres 1995", Stefan Karner, gelernt, wie Stelzl-Marx betonte.

Das von Karner 1993 gegründete Institut habe immer auch sehr stark von der Stellung der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft (LBG) als Trägereinrichtung profitiert. Im Regierungsprogramm der türkis-grünen Regierung findet sich allerdings ein Passus, wonach die Stärkung des Profils der LBG als "Forschungsförderungsagentur" gestärkt werden und eine "inhaltliche Ausrichtung auf Grundlagenforschung mit starkem gesellschaftlichem Impact im Medizinbereich" vorgenommen werden sollte. Es gebe aber auch viele erfolgreiche Boltzmann-Institute abseits des Medizinbereichs, betonte Stelzl-Marx, die die Bitte an die neue Regierung richtete "diese Institute beizubehalten". Bei einer Neuausrichtung der LBG als Förderagentur könnte den Instituten zudem ihre derzeitige Flexibilität ein Stück weit abhandenkommen, befürchtete die Wissenschafterin.

In das gleiche Horn stieß auch LBG-Präsident Josef Pröll in einer Aussendung: "Die heutige Auszeichnung (für Stelzl-Marx, Anm.) unterstreicht einmal mehr, dass die LBG als außeruniversitärer Forschungsträger ideale Rahmenbedingungen bietet und sich mit ihren Instituten national und international hervorragend positioniert hat." Er erwarte von der Bundesregierung "ein stärkeres Bekenntnis zur nunmehr bereits 60-jährigen erfolgreichen Rolle der LBG als außeruniversitärer Forschungsträger. Mit einer Herabstufung zu einer bloßen Förderagentur würden die einzigartigen Vorteile der Ludwig Boltzmann Institute verloren gehen", so Pröll.

Service: https://bik.ac.at/

(APA/red, Foto: APA)

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