Medizin auf dem Weg zur "human-basierten" Heilkunde

26. Januar 2018 - 12:06

Wissenschaftliche Studien mit ihren statistischen Signifikanzen, Leitlinien und Krankheitskategorien dominieren häufig die Medizin. Auf den zukünftigen Weg zu einer "human-basierten" Heilkunde wurde bei einer Tagung des Anton Proksch Instituts in Wien verwiesen.

Von der Therapie von Krankheiten zum Fokus auf den ganzen Menschen

Von der Therapie von Krankheiten zum Fokus auf den ganzen Menschen

"Eine human-basierte Medizin ist eine Medizin, die auf den Menschen fokussiert. Das ist gar nicht so banal. Unser Gesundheitssystem ist oft allein auf die Behandlung von Krankheiten fokussiert. Human-basierte Medizin bedeutet aber einen Paradigmenwechsel. Sie konzentriert sich nicht auf die Defizite von Patienten, sondern auf ihre Möglichkeiten und Ressourcen", sagte Michael Musalek, Psychiater und ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts.

Die naturwissenschaftliche Medizin der Moderne habe unleugbar große Fortschritte gebracht. Doch es gebe auch die Gefahr, dass statistische Signifikanzen für letztgültige Wahrheiten gehalten würden. Was nicht mit der höchsten wissenschaftlichen Evidenz durch Studien versehen sei, werde als inexistent angesehen. Musalek brachte im Eröffnungsvortrag zu der zweitägigen Veranstaltung ein krasses Beispiel: "Es ist evident, dass jemand, der aus einem Flugzeug mit einem Fallschirm abspringt, bessere Überlebenschancen als jemand hat, der ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt. Es gibt dazu aber keine Studie."

Unterschied zwischen Wissenschaft und Praxis

Die medizinische Wissenschaft müsse zur Analyse von Hypothesen und zur Beantwortung von offenen Fragen automatisch komplexe Zusammenhänge in Teile zerlegen und so vereinfachen, dass sie untersucht werden können. Gleichzeitig benötigt sie dazu möglichst einheitlich charakterisierte Probanden und ist schließlich dazu da, statistisch aussagekräftige Resultate zu generieren. "In der klinischen Praxis hat der Arzt aber keine Studienpatienten vor sich", sagte der Psychiater über den Unterschied zwischen Wissenschaft und der Betreuung von Patienten.

Zusätzlich gebe es auch noch die Versuchung, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen starre Leitlinien und Krankheitskategorien abzuleiten, was die medizinische Betreuung des Individuums schwierig mache. "Oft führen Leitlinien dazu, dass man glaubt, der Arzt, Psychotherapeut oder Klinische Psychologe hätte nur noch die Aufgabe, den jeweiligen Patienten auf das richtige Gleis zu bringen", stellte Musalek die Problematik dar.

Über reine Reparaturmedizin hinausdenken

Eine "human-basierte Medizin", wie sie sich derzeit international entwickle, müsse natürlich auf dem Boden von wissenschaftlich abgesicherter Evidenz stehen, aber immer den ganzen Menschen einbeziehen. "Natürlich wird ein Patient mit einem Knochenbruch zunächst einmal die optimale Versorgung der Fraktur benötigen. Aber denkt man zum Beispiel an einen Leistungssportler, wird man sich auch mit seinen Ängsten beschäftigen müssen, ob er je wieder den Anschluss finden kann", sagte der Psychiater. Hier gelte es, über die reine Reparaturmedizin hinauszudenken.

Im Grunde erinnert das an eine Formulierung in einem Arztbrief des 2010 verstorbenen Wiener Psychiatriereformer Stephan Rudas an einen Dermatologenkollegen: "In der kranken Haut, die Sie behandeln, steckt auch ein leidender Mensch. Ich bitte, dies zu berücksichtigen."

Die Tagung in Wien soll einen breiten Diskurs zum Thema "human-basierte" Medizin eröffnen. Musalek sagte: "Menschen halten sich an keine Krankheitskategorien. Der Mensch ist immer eine Gesamtheit." Auf diese sei auch im Krankheitsfall immer Rücksicht zu nehmen.



(APA/red, Foto: APA/APA (Fohringer))