Experten: Neue Humanisierung der Intensivmedizin gefordert

12. Oktober 2017 - 13:10

Auch in der Intensivmedizin gibt es - zeitweise - ein Problem mit Übertherapie. Es wird häufig tabuisiert. Darauf verwies jetzt die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) an Anlass des Welt-Anästhesie-Tages am 16. Oktober. Fast 40 Prozent der Patienten erhielten noch kurz vor ihrem Tod Therapien ohne medizinischen Nutzen.

Häufig Interventionen ohne Nutzen für Patienten am Ende des Lebens

Häufig Interventionen ohne Nutzen für Patienten am Ende des Lebens

"Nicht alles, was in der Medizin machbar ist, sollte auch immer gemacht werden", wurde Rudolf Likar (Klagenfurt), Präsident der ÖGARI, in einer Aussendung zitiert. Jedes Jahr erinnern die Experten am Welt-Anästhesie-Tag an die erste erfolgreiche Äther-Narkose im Massachusetts General Hospital im Jahr 1846 und klären über die vielfältigen Aktionsfelder der Anästhesie auf, die von der Narkose über Notfall- und Intensivmedizin bis zur Schmerz- und Palliativmedizin reichen.

"Mit den modernen intensivmedizinischen Therapiemethoden kann man Patientinnen und Patienten sehr lange am Leben erhalten, die dann aber nicht gesund werden und weiterhin lebensbedrohlich krank bleiben. Dafür hat sich inzwischen ein eigener Fachbegriff etabliert, nämlich 'chronisch kritisch krank'", sagte Barbara Friesenecker von der Universitätsklinik für Allgemeine und Chirurgische Intensivmedizin in Innsbruck. "Unser Ziel muss es aber immer sein, aus den technischen Möglichkeiten nur jene Optionen auszuwählen, die Patientinnen und Patienten tatsächlich eine Verlängerung des Lebens bei gleichzeitiger Verbesserung der Lebensqualität bringen können."

Übertherapie in praktisch allen Bereichen

Das Problem Übertherapie zieht sich quer durch die gesamte Intensivmedizin. Das kann bei der mitunter aussichtslosen Aufnahme auf die Intensivstation beginnen, bei der nicht selten praktizierten Überdiagnostik fortsetzen und letztlich im inadäquaten Einsatz maschineller Verfahren, teurer Medikamente und Therapien gipfeln. "In vielen Fällen wird dadurch aber nur das Sterben hinausgezögert. Man weiß mittlerweile, dass Patientinnen und Patienten, bei denen man frühzeitig palliativmedizinische Konzepte in die Behandlung mit einbezieht, und auf belastende, aber keinen Nutzen bringende verzichtet, manchmal sogar länger, aber mit Sicherheit besser leben als jene, bei denen bis zur letzten Minute alles technisch Mögliche ausgeschöpft wird", sagte die Expertin.

Ein Team aus Wissenschaftern der University of New South Wales in Australien, die das Ausmaß sogenannter "non-beneficial treatments", also nicht zielführender Behandlungen, in den letzten sechs Lebensmonaten untersucht hat, kam nach der Auswertung von 38 einschlägigen Studien vor kurzem zu einem alarmierenden Ergebnis: 33 bis 38 Prozent der Patienten werden noch kurz vom dem Tod übertherapiert.

Dialyse und Bestrahlungen auch im Endstadium

Bei durchschnittlich 28 Prozent wird auch im fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit noch versucht, sie wiederzubeleben. Fast jeder Dritte erhält auch im Endstadium Dialyse, Bestrahlungen, Transfusionen oder andere unterstützende Behandlungen. 38 Prozent der sterbenden Patienten bekommen Antibiotika, herzstärkende Medikamente oder selbst verdauungsfördernde Präparate verabreicht, jeder Dritte eine Chemotherapie. Bei 33 bis 50 Prozent werden diagnostische Verfahren eingesetzt, die keinerlei Vorteil mehr bringen, zehn Prozent kommen auf eine Intensivstation, obwohl naheliegt, dass auch dort nur das Sterben verlängert werden kann. Die Conclusio der Studienautoren: "Auch wenn Übertherapie bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich ist, heißt das nicht, dass man nicht versuchen sollte, das derzeitige Ausmaß zu reduzieren die ärztliche Einstellung dazu kritisch zu überprüfen."

"Was wir brauchen ist eine neue Humanisierung der Intensivmedizin", forderte ÖGARI-Präsident Likar ein Umdenken. "Man tut oft mehr Gutes, indem man weniger tut. Etwas nicht zu tun erfordert oft mehr Courage und vor allem auch mehr Wissen, als alles zu tun, was die Medizin und Technik möglich machen," ergänzte Barbara Friesenecker. Internationale Studien gehen davon aus, dass zwischen zehn und 45 Prozent der lebenslangen Gesundheitskosten im letzten Lebensjahr anfallen. Das hat nur begrenzt mit dem naturgemäß steigenden Pflegebedarf zu tun. In einer niederländischen Untersuchung lagen die Kosten für die Akutversorgung im letzten Lebensjahr um 170 Prozent höher als im Jahr davor, der Pflegeaufwand stieg dagegen nur um den Faktor 1,3.



(APA/red, Foto: APA/APA (Fohringer))