Genetikerin: Fehlerhafte Hundezucht zulasten Gesundheit der Tiere

29. April 2016 - 11:51

Obwohl das Genetik-Wissen in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich gewachsen ist, treten bei Hunden immer mehr Erbfehler und Gesundheitsprobleme auf. In der Zucht von Rassehunden ist vieles falsch gelaufen, erklärte die Populationsgenetikerin Irene Sommerfeld-Stur im Gespräch mit der APA. In ihrem soeben erschienenen Buch "Rassehundezucht" erläutert sie die Probleme und Lösungsmöglichkeiten.

Vor allem die geschlossenen Zuchtpopulationen seien langfristig nicht gut für die Gesundheit der Tiere. "Während etwa bei Sportpferden das Einkreuzen von rassefremden Vollblütern gang und gäbe ist, gilt bei den Hunden für viele Züchter ein Reinrassigkeitsdogma", sagte am Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien tätige Wissenschafterin. Die meisten Zuchtpopulationen seien seit über 100 Jahren geschlossen. Dadurch geht die genetische Vielfalt verloren, die Anfälligkeit für Krankheiten steigt und Defektgene häufen sich in den Hunderassen an.

Im genetischen Flaschenhals

Diese "Linienzucht" habe freilich auch ihre Vorteile, etwa dass man sehr schnell ein konsolidiertes Rassebild mit den gewünschten Merkmalen bekommt, bringe aber eine massive genetische Verarmung. Davon sind sogar jene Rassen betroffen, bei denen es eigentlich sehr viele Hunde gibt, wie etwa Deutsche Schäferhunde und Golden Retriever. Selbst bei diesen ist die "effektive Zuchtpopulation" relativ klein, weil nur ein Teil der Tiere wirklich zur Zucht verwendet wird.

"Ein großer Fehler, der in vielen Populationen gemacht wird, ist auch, dass einzelne Rüden im Übermaß eingesetzt werden und manchmal jede zweite Zuchthündin von einem solchen 'Popular Sire' gedeckt wird", sagte Sommerfeld-Stur. Außerdem sind in den beiden Weltkriegen viele Rassen auf ganz wenige Tiere reduziert worden. Die Zahl der Tiere konnte man zwar wieder vergrößern, die genetische Vielfalt allerdings nicht.

Strenge Zuchtverbände

"Die genetische Varianz einer Rasse kann nur durch Einkreuzung wieder mehr werden", so Sommerfeld-Stur. Einzelne Züchter würden zwar schon diesen Weg gehen, doch in der Regel müssen sie das außerhalb der Zuchtverbände tun. Das bringe etwa den gewaltigen Nachteil, dass ihnen die am besten passenden Zuchtpartner verwehrt sind.

Die Zuchtverbände haben sich nämlich der Reinrassigkeit verschrieben und lassen Einkreuzungen, wenn überhaupt, meist erst fünf Minuten nach Zwölf zu, so die Genetikerin. Bei manchen Rassen wie den beliebten Kromfohrländern und "Duck Tollern" (Nova Scotia Duck Tolling Retriever) sei die genetische Verarmung aber schon so massiv, dass sie wahrscheinlich nur mehr durch Einkreuzungen zu retten sind.

Aussehen ist keine gute Richtschnur

Oft würde auch zu sehr nach dem Aussehen und zu wenig nach gesundheitlichen Kriterien gezüchtet. So bekommen oft kerngesunde Tiere mit reinen Schönheitsfehlern wie Wechselnasen (bei ihnen ändert sich die Nasenfarbe jahreszeitlich) oder unerwünschten Fellfarben keine Zuchtzulassung, während immer wieder Ausstellungs-Champions zum Beispiel mit Gelenksproblemen fleißig Nachwuchs zeugen und gebären. "Eine Studie hat aber gezeigt, dass bei Gebrauchslinien und Rassen, wo noch Leistung als Zuchtvoraussetzung verlangt wird, die genetische Vielfalt höher ist", sagte die Genetikerin, bei diesen bekomme man also mit höherer Wahrscheinlichkeit einen gesunden Hund.

Zu wenig Bewusstsein für "Qualzucht"

Ein großes Problem sei freilich auch die "Qualzucht", wo Merkmale herausgezüchtet werden, die für die Tiere Schmerzen, Leiden oder Verhaltensstörungen bedeuten. Durch ihre platte Nase röcheln etwa Möpse ständig, doch dies wird als rassetypisch hingenommen und von den meisten Züchtern und Besitzern nicht als das erkannt, was es ist: 24 Stunden am Tag ein Kampf um Sauerstoff. Auch etwa der Riesenwuchs bei Bernhardinern, die in den vergangenen Jahrzehnten fast doppelt so groß und schwer wurden, massive Hautfalten bei Mastiffs, extrem dünnwandige und oft sogar löchrige Schädeldecken bei Zwergrassen wie Chihuahuas, sowie die extreme Kurzbeinigkeit etwa bei Dackeln brächten massive Gesundheitsprobleme.

"Hier muss auch der Hundekäufer in die Verantwortung genommen werden, denn die Hundezucht ist natürlich auch ein wirtschaftliches Geschehen", erklärte Sommerfeld-Stur. Solange Möpse ohne Nase als niedlich empfunden und gekauft werden, werden sie wohl "produziert". Doch es gäbe auch schon "Retromöpse", denen durch Einkreuzungen wieder etwas vergönnt wurde, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: eine Schnauze, die den Namen verdient und bestens dazu geeignet ist, ausreichend Sauerstoff einzuatmen.

Service: Irene Sommerfeld-Stur: "Rassehundezucht - Genetik für Züchter und Halter", Verlag Müller Rüschlikon, 368 S., 41,10 Euro, ISBN: 978-3-275-02060-7

(APA/red, Bild APA)


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