Flüchtlinge - Wissenschaft im Kampf mit Aktualität und Genehmigungen

22. September 2015 - 12:17

Ereignisse wie die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Wochen und Monate sind auch für die Forschung von großem Interesse. Allerdings stehen die "Refugee Studies" vor großen Herausforderungen - von fehlenden Daten bis gefährlichen Einsatzgebieten. Dennoch: "Die Wissenschaft muss kurzfristiger reagieren", forderte die Kultur- und Sozialanthropologin Maria Six-Hohenbalken im Gespräch mit der APA.

Six-Hohenbalken untersucht am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter anderem die Verfolgungen der Yeziden während des Ersten Weltkrieges und arbeitet derzeit aktuell an einer Publikation über die Minderheit, ihre Verfolgung und Flucht vor dem "Islamischen Staat". Im Sommer 2014 flohen mehr als 350.000 Menschen aus dem Irak - sie wurden in Flüchtlingslagern in der Region Kurdistan und in der Türkei untergebracht.

Mehr als 5.000 Personen wurden verschleppt, erst 2.000 konnten befreit oder freigekauft werden. Aber auch die Flüchtlingslager seien oft nicht die Endstation: Etwa die Hälfte der Yeziden in den Lagern der Türkei soll das Land verlassen haben - häufig nicht ohne Schwierigkeiten. Nach Angaben von Vereinen haben im vergangenen Jahr auch etwa 20 bis 30 Yeziden, die 2014 aus dem Sinjar-Gebirge flüchten mussten, in Österreich um Asyl angesucht.

Religiöse oder ethnische Zugehörigkeit kaum erfasst

Ob Yeziden unter jenen Personen sind, die nun versuchen, nach Europa zu kommen, sei jedoch schwer zu beantworten, meinte Six-Hohenbalken. Denn dazu gebe es nur vage Angaben. Valide Zahlen zur religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit seien generell ein großes Problem der Flüchtlingsforschung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten als interdisziplinäres Spezialgebiet der Migrationsforschung herausgebildet hat. Denn oft werde nur das Herkunftsland erfasst, weshalb man sich häufig auf Auskünfte von Vereinen und Betreuungseinrichtungen verlassen müsste.

Auch in den Transitländern sei Forschung nur schwer durchführbar. Wissenschafter etwa aus der Türkei berichten bei Konferenzen, dass sie keine offiziellen Forschungsgenehmigungen für Arbeiten in Flüchtlingslagern erhalten hätten, schilderte die Kultur- und Sozialanthropologin. Es seien vor allem Journalisten und freiberufliche Kollegen, die Menschen auf ihrer Flucht begleiten. Sie seien dann jedoch in einzelnen Ländern mit Repressionen konfrontiert, wenn sie über diese Themen auch berichten.

Erhebungen an Ort und Stelle - etwa im Irak oder in Syrien - seien kaum möglich. "Wir dürfen in keine Gegend fahren, für die eine offizielle Reisewarnung besteht", verwies Six-Hohenbalken etwa auf Versicherungsgründe. Feldforschung in diesen Ländern sei demnach eigentlich nur noch auf eigene Faust bzw. im Urlaub möglich. Dementsprechend wenig sei etwa die dramatische Situation der Minderheit im vergangenen Sommer dokumentiert worden: "Es waren nur vielleicht zwei, drei Kollegen vor Ort."

Handlungsbedarf für die Wissenschaft

Dennoch sieht Six-Hohenbalken Handlungsbedarf für die Wissenschaft: "Wir haben eine gewisse Verpflichtung, auf diese Entwicklungen zu reagieren", meinte sie. Und das auch schneller und kurzfristiger als bisher. Denn wird geforscht, dauert es oft Jahre, bis die Ergebnisse die Öffentlichkeit erreichen und über quantitative, also beispielsweise demografische Rückblicke auf große Flüchtlingsbewegungen hinausgehen. Die qualitative Forschung stehe dagegen sowohl vor methodischen als auch ethischen Problemen: "Wir können keine Interviews mit Menschen machen, die sich noch auf der Flucht befinden", erklärte Six-Hohenbalken.

Das sei nicht nur aus ethischen Gründen problematisch, auch könnten Flüchtlinge mit ungesichertem Aufenthaltsstatus und traumatischen Fluchterfahrungen nicht einfach interviewt werden. Forschungsvorhaben hätten zudem oft eine lange Vorlaufzeit. Dabei könne die Wissenschaft ihren Beitrag leisten - nicht nur bei der Betrachtung großer internationaler Zusammenhänge. "Wir müssen auch unsere Methoden überdenken", meinte die Kultur- und Sozialanthropologin.

Viele Menschen würden zudem ihre Flucht auf sozialen Medien wie etwa Facebook in Text und Bild dokumentieren - hier brauche es Ansätze, wie mit diesen neuen Quellen umgegangen werden könne, meinte Six-Hohenbalken. Unter anderem deshalb hat das Institut für Sozialanthropologie "Round Tables" ins Leben gerufen, die Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen und Ländern zu dieser Thematik versammeln sollen. Denn auf rein nationaler Ebene seien Themen wie diese kaum sinnvoll zu bearbeiten.

"Ich denke, wir sind sehr gefordert, ad hoc Untersuchungen zu machen", so die Wissenschafterin. Und diese dann auch zu kommunizieren: "Wir müssen uns darauf einstellen, schneller und in anderen Medien als Fachjournalen dieses Wissen zu vermitteln."



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