1848/2018: Historiker: Österreichs Demokratiegeschichte begann an Uni

13. März 2018 - 10:06

Am 13. März 1848 nahm vom damaligen Hauptgebäude der Uni Wien am heutigen Sitz der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Revolution ihren Ausgang. Ebenda wurde am 12. März der Ereignisse in einer Veranstaltung gedacht. Für den Historiker Wolfgang Häusler liegt in den Protesten von Studenten und Professoren der Ausgangspunkt "jener großen Linie, die über Umwege bis zur Demokratie 1918 führt".

Neues Buch wird im Wiener Palais Epstein präsentiert
Neues Buch wird im Wiener Palais Epstein präsentiert

Diese Entwicklung arbeitete der Historiker in seinem vor kurzem erschienenen Buch "Ideen können nicht erschossen werden. Revolution und Demokratie in Österreich 1789 - 1848 - 1918" heraus, das am Mittwoch (14. März) im Wiener Palais Epstein vom Parlament präsentiert wird. Demnach war die demokratische Tradition der Revolution von 1848 auch ein prägendes politisches Leitbild für die Sozialdemokraten Victor Adler, Otto Bauer oder Karl Renner. Die Ideen der Revolution gingen in die Dezemberverfassung von 1867 ein und wurden 1920 von der Ersten Republik übernommen. "Ein wertvolles Erbe, dessen wir uns bewusst sein sollten", sagte Häusler, emeritierter Professor für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, im Gespräch mit der APA.

Liberale Maßnahmen gefordert

Im Vorfeld der Märzrevolution von 1848 begann sich das Wiener Bürgertum, organisiert im juridisch-politischen Leseverein und Gewerbeverein, vermehrt zu artikulieren. Man bat um liberale Maßnahmen, wie der Veröffentlichung des Staatshaushalts oder der Milderung der Zensur, so der Historiker, der bei der Gedenkveranstaltung an der ÖAW unter dem Titel "Was kommt heran mit kühnem Gange?" über "Die Universität im März 1848" sprach.

Die Intelligenz war durch die Februarrevolution in Frankreich aufgewühlt. Am 12. März 1848 entstand in der Universität am heutigen Dr. Ignaz Seipel-Platz - damals die "Aula" - eine bahnbrechende Petition. Die Studenten formulierten ihre Forderungen konkret: Es ging um Pressefreiheit, um Lern- und Lehrfreiheit und um eine "Volksvertretung - auch beim Deutschen Bund". Viele Studenten hingen der großdeutschen Strömung im Zeichen der schwarz-rot-goldenen Farben an.

Universitätsprediger Anton Füster sollte die Studenten eigentlich beschwichtigen, ermunterte hingegen zum offenen Protest. Am 13. März marschierten die Studenten zum Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse, wo die Landstände tagten. Dort forderte der Arzt Adolf Fischhof in der ersten politischen Rede Österreichs vor Bürgern und Arbeitern u.a. eine Neukonstruktion Österreichs. Der folgende Militäreinsatz forderte Todesopfer: die "Märzgefallenen".

Sozialprotest und Maschinensturm

Gleichzeitig kam es in der Wiener Vorstadt und den Vororten zum Sozialprotest und Maschinensturm. Der ausbrechende Klassenkampf verhalf laut Häusler paradoxerweise der bürgerlichen Revolution zum Durchbruch. Fürst Metternich und der Polizeichef Josef von Sedlnitzky mussten weichen. Bürger formierten die Nationalgarde und Studenten bildeten eine bewaffnete Vereinigung, die akademische Legion. In der Folge wurde Pressefreiheit gewährt und eine Verfassung versprochen. An der Spitze der Bewegung standen vielfach Mediziner oder Juristen.

Die sogenannten "Märzerrungenschaften" markierten zwar einen wichtigen Ausgangspunkt, allerdings erzwang erst die "Sturmpetition" von Studenten und Arbeitern am 15. Mai einen verfassungsgebenden Reichstag. Der Versuch, die rund 5.000 Mann starke akademische Legion aufzulösen, scheiterte in den Barrikadentagen vom 26. bis 28. Mai.

Die soziale Frage blieb jedoch virulent: Das Einschreiten der Nationalgarde gegen protestierende Arbeiter in der "Praterschlacht" vom 23. August gipfelte in einem Blutbad. Karl Marx, der bald danach die Hauptstadt besuchte, sprach vom "Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat, auch in Wien". An diesen inneren, sozial und national bedingten Widersprüchen konnte die militärische Gegenrevolution, die alleine in Wien im Oktober rund 3.000 Todesopfer forderte, erfolgreich ansetzen, betonte Häusler: "Kein anderes Reich brachte es je fertig, in Jahresfrist seine Residenzstadt und alle wichtigen Landeshauptstädte in Barrikadenkämpfen und durch Artilleriebeschuss zu bezwingen."

Die "Märzgefallenen" wurden in der laut dem Historiker ersten interkonfessionelle Zeremonie Österreichs von Füster gemeinsam mit dem Prediger der jüdischen Gemeinde, Isak Noa Mannheimer, zu Grabe getragen. Der ihnen gewidmete Obelisk, der zunächst am Platz der heutigen Stadthalle stand und sich heute am Zentralfriedhof befindet, war danach der Ort der alljährlichen Massenkundgebungen der Sozialdemokraten für das allgemeine Wahlrecht.

Folgenreiche Entfremdung

Die folgenreiche Entfremdung wichtiger Protagonisten des Jahres 1848 wurde aber spätestens bei der Enthüllung des Denkmals für den in Abwesenheit zum Tode verurteilten und später begnadigten Füster 1882 beispielhaft sichtbar. Die Burschenschaften hatten sich laut Häusler von ihrem demokratischen Ursprung losgesagt und "huldigten dem preußischen Bismarckreich. Der Rassenantisemitismus verband sich mit dem Deutschnationalismus". Am anschließenden Kommers im Schwechater Brauhaus wollten auch jüdische Studenten teilnehmen, wurden aber von Burschenschaftern unter der Führung Georg von Schönerers hinausgeprügelt.

"Die Burschenschafter waren nicht mehr die Studenten von 1848, sondern das war etwas Neues", sagte Häusler. Dieser "Knick in der Geschichte der Burschenschaften" ging auch mit der Entstehung des deutschnationalen Lagers einher. Gerade an der Universität Wien kam es unter antisemitischer und antidemokratischer Ideologie in der Folge vermehrt zu "Judenhetzen". Die u.a. daraus resultierende "politische Unkultur" in der Ersten Republik führte in die Katastrophe des Nationalsozialismus - mit folgenschweren Nachwirkungen bis heute, wie der Historiker betonte, der im Rahmen der am Donnerstag und Freitag (15. und 16. März) am Wiener Juridicum stattfindenden Tagung "1848 als Schnittstelle jüdischer und österreichischer Geschichte" einen Vortrag halten wird.

Service: Wolfgang Häusler: "Ideen können nicht erschossen werden. Revolution und Demokratie in Österreich 1789 - 1848 - 1918", Molden Verlag, 272 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-222-15009-8, Buchpräsentation: https://www.parlament.gv.at/SERV/VER/AKT/140318; Programm der Tagung im Juridicum: http://go.apa.at/ZrZH1H3f; ÖAW-Gedenkveranstaltung: http://go.apa.at/791knsIJ

(APA/red, Foto: APA/Molden Verlag)


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