26. Juni 2012 - 18:44 | DerOnlineTutor
Der Wissenschaftsrat empfiehlt einen starken Ausbau des Fachhochschulsektors bei gleichzeitigem Rückbau der Studienplätze an den Universitäten. Man wolle eine "Umgewichtung vom derzeit wildwuchernden Universitätsbereich zum sehr restriktiven, beschränkten Fachhochschulbereich", betonte Ratsmitglied Manfred Prisching bei einer Pressekonferenz am Dienstag. "Da empfehlen wir einiges rüberzuschieben". Kleiner Haken: "Solange ich keinerlei Steuerungsmöglichkeit an den Unis habe, kann ich mir alle Projektionen an die Wand nageln." Der Rat schlägt daher für die Unis die gleichen Zugangsregeln wie an den Fachhochschulen vor, also eine Beschränkung der Studienplätze.
Ausgangspunkt für die vorgeschlagene "Gewichtsverlagerung" bildete unter anderem der Hochschulbericht 2011. Dessen Projektionen sehen etwa eine starke Expansion des Uni-Sektors auf rund 320.000 Studenten (derzeit rund 290.000) im Jahr 2030 vor, während der Fachhochschulsektor nur moderat auf rund 45.000 Studenten (derzeit rund 40.000) anwachsen soll. "Wir haben einen überdimensionierten Unisektor und einen unterdimensionierten Fachhochschulsektor", so Prisching. Dass nur elf bis zwölf Prozent aller Studenten an Fachhochschulen (FH) studieren, sei zu wenig.
Umschichtung notwendig
"Wir glauben, dass man umschichten muss", betonte Prisching. Von den derzeit 290.000 Uni-Studenten würden rund 90.000 kaum oder gar nicht prüfungsaktiv sein, also weniger als acht ECTS-Punkte pro Semester absolvieren (vorgesehen sind 30 ECTS pro Semester). "Da haben wir ohnehin viel Luft drinnen." Bei einer Schrumpfung auf 200.000 Uni-Studenten sei der Uni-Sektor damit ohnehin noch viel dichter als in der Schweiz, die derzeit massiv in den FH-Ausbau investiere. Die FH-Plätze will der Rat auf mindestens 80.000 ausbauen, im Idealfall auf 120.000 im Jahr 2030. Dies würde bei gleichbleibendem Bundeszuschuss pro Studienplatz von rund 7.000 Euro ca. 600 Mio. Euro jährlich kosten.
Auch für die Studenten hätte dies Vorteile, meinte Prisching. Viele wären an einer klaren, akademisch strukturierten Berufsvorbereitung interessiert, diese Leute müsse man nicht mit einer Vorbereitung auf die Wissenschaft "traktieren". Der FH-Bereich sei derzeit "permanent überbucht", vor allem in den Gesundheitsfächern: "Wenn Sie da 20.000 Plätze dazugeben, sind die auch voll."
Aufgabenteilung zwischen FH und Uni
Der Rats-Vorsitzende Jürgen Mittelstraß kann sich auch vorstellen, dass Teile einer Uni-Ausbildung an FH stattfinden. Derzeit gebe es nur die Möglichkeit, dass besonders begabte FH-Absolventen ein Doktorat an einer Uni absolvieren. Künftig könnten aber etwa grundlagenorientierte Ausbildungsteile eines Studiums an der Uni stattfinden, die anwendungsorientierten Teile an einer FH.
Zur Qualitätssicherung an FH schlägt der Rat eine Quote für festangestelltes Lehrpersonal vor. Ansonsten liefen die FH Gefahr, nur reine "Kursanbieter zu sein, wo es fast keinen Staff gibt und wo vorbeireisende Vortragende Kurse abwickeln". In Deutschland existiere etwa die Regel, dass die Hälfte der Lehrveranstaltungen von festangestelltem, zumindest halbtägig beschäftigtem Lehrpersonal abgehalten werden muss. Der stellvertretende Rats-Vorsitzende Walter Berka schlug außerdem vor, dass der überwiegende Anteil der Lehre durch Promovierte erfolgen solle. Die Verleihung des Titels "FH-Professor" wiederum solle einheitlich geregelt werden - derzeit erfolge dies durch die FH selbst nach nicht ganz durchsichtigen Kriterien.
Keine große Zukunft für PH
Einen Personal-Engpass fürchtet Mittelstraß nicht: "Wir bilden derzeit mehr wissenschaftlichen Nachwuchs aus als Platz findet." Die Kapazitäten für mehr gut ausgebildetes FH-Personal wären da. "Diese Leute müssten aber auch dort ihre Aufgabe sehen."
Dem Wissenschaftsministerium empfiehlt der Rat den Abschluss von Leistungs- und Gestaltungsvereinbarungen mit den FH, um nach dem Wegfall des FH-Rats "inhaltlich noch eine kleine Zehe im FH-Sektor zubehalten", so Prisching. Ansonsten gebe es nur eine reine Platzfinanzierung ohne inhaltliche Kontrolle.
Für die Pädagogischen Hochschulen (PH) sieht der Rat keine große Zukunft: "Für ein kleines Land wie Österreich ist das tertiäre Feld bunt genug", so Mittelstraß. "Königsweg" für die Lehrerausbildung wären vermutlich "Schools of education" an den Universitäten mit Anbindung an Modellschulen wie etwa in Salzburg geplant, eine andere Möglichkeit wäre die Führung der PH als FH (APA/red, Bild APA).
Update:
Reaktionen der Rektoren auf Empfehlung des Wissenschaftsrates
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