5. Dezember 2011 - 15:30 | Thea
Mehr Qualität, Vergleichbarkeit und Fairness soll die Zentralmatura
laut Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) ab 2013/14 an den AHS
bzw. 2014/15 an den berufsbildenden höheren Schulen (BHS) bringen. Laut
Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Universität Wien kann die
Zentralmatura solche Versprechen aber gar nicht einhalten. "Es ist eine
Pseudoobjektivierung, die den Leistungsstarken nichts macht, aber nach
allen Erfahrungen in den mittleren und unteren Gruppen einen ziemlichen
Flurschaden anrichtet", warnt er gegenüber der APA.
Er sei kein prinzipieller Gegner von Tests im
Abschlussjahr, betont Hopmann. "Wenn man das Geld hat, kann man das
gerne machen." Es sei jedoch ein Irrglaube, man könne mit einer
Zentralmatura die Qualität oder die Vergleichbarkeit der Leistungen
verbessern. Das Gegenteil sei der Fall und als "Campell's Law" bekannt:
Bei zentralen Fragestellungen sei die Wahrscheinlichkeit, dass
geschummelt wird, höher. Gleichzeitig habe die Forschung gezeigt, dass
das Spontanurteil von Lehrern immer noch treffsicherer sei "als
irgendwelche zentral verordneten Tests", so der Bildungsforscher.
Nicht mehr Gerechtigkeit durch Zentralisierung
Auch in punkto Fairness bringe eine Zentralmatura
nichts: "Noten sind unfair, zentrale Test sind aber auch unfair. Die
sind nur unterschiedlich unfair", betonte Hopmann. Gute Schüler würden
auch bei der Zentralmatura gute Leistungen liefern. Schüler aus dem
mittleren und unteren Leistungsspektrum hätten indes nicht die
Bandbreite an Wissen, um jede Frage zu beantworten - außer ihr
Unterricht habe zufällig die abgefragten Bereiche behandelt.
Mittelfristig bewirken zentrale Tests laut Hopmann sogar das Gegenteil
von Gerechtigkeit, denn in Ländern mit solchen Systemen gebe es immer
einen rasch expandierenden "Shadow-Education-Sektor", also Nachhilfe,
die sich allerdings nur Schüler aus sozial bessergestellten Familien
leisten können.
Kompetenzorientierter Unterricht könne daran nichts
ändern, denn "Unterricht ist nun mal sehr unterschiedlich". Zentrale
Tests würden daher nur "den mehr oder weniger zufälligen Match oder
Mismatch von Unterricht" messen, so Hopmann. "Das taugt nicht, um eine
individuelle Diagnose zu machen, wie gut Schüler Mathematik können." Das
"Gerechtigkeitsproblem" bei der Notengebung könne nur gelöst werden,
indem die Schulen an der Qualitätssicherung des Unterrichts und an der
Beurteilungspraxis vor Ort arbeiten.
Dass Österreich dennoch auf die Zentralmatura setzt,
findet Hopmann typisch für das Land: "Ich kann nachweisen, dass die
Notenvergabe sehr unterschiedlich ist, um es höflich zu formulieren.
Daraus folgt aber nicht, dass ein zentralisiertes System gerechter wäre.
Da wird immer geglaubt, weil das eine System bestimmte Fehler hat,
hätte das Alternativsystem diese Fehler nicht. Aber das ist ein falscher
Kehrschluss."
(APA/red, Bild APA)
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