21. November 2011 - 13:26 | Thea

Das All ins Labor holen Wissenschafter der Universität Innsbruck.
Mit einer eigens konstruierten Apparatur können sie die Verhältnisse in
interstellaren Wolken nachstellen, wo Sterne entstehen. Auch wenn im
Labor nur mit einzelnen Molekülen gearbeitet wird, brachte ihre
Forschung neue Erkenntnisse über die Bedingungen ganz am Anfang der
Sternenentstehung, wie sie in der wissenschaftlichen Zeitschrift "The
Astrophysical Journal" berichteten.
In interstellaren Wolken bilden sich bei tiefen
Temperaturen neue Moleküle. In bestimmten Regionen können sich Partikel
über Millionen von Jahren durch die Schwerkraft zusammenballen. "Wenn
die dichtesten Kerne dieser molekularen Wolken dann noch weiter durch
die Schwerkraft kollabieren, dann entstehen Sterne", erklärte Roland
Wester vom Ionenphysik und Angewandte Physik der Universität Innsbruck
gegenüber der APA.
Galaktischer Baby Boom
In unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße, passiert
das etwa einmal im Jahr. Andere Galaxien sind da produktiver: Besonders
fleißig ist die 2008 entdeckte Galaxie "Zw II 96", die angesichts von
jährlich rund 4.000 Sternengeburten den Spitznamen "Baby Boomer Galaxy"
bekam. Am Beginn jedes neuen Sterns stehen Reaktionen zwischen neutralen
Molekülen und geladenen Teilchen (Ionen) unter dem Einfluss kosmischer
Strahlung. Solche in Millionen Lichtjahren Entfernung über Millionen
Jahre laufenden Reaktionen sind von der Erde aus nur schwer zu
erforschen. Deshalb ahmen die Innsbrucker Wissenschafter die Entstehung
der ersten Bausteine im Labor nach.
Dafür hat Wester eine Ionenfalle gebaut, in der sich
die Vorgänge bei sehr geringer Dichte und bis zu minus 250 Grad Celsius
beobachten lassen. Gemeinsam mit einem internationalen Team hielt
Wester negativ geladene Moleküle (Anionen) in der Ionenfalle gefangen
und beschoss sie mit Licht aus einem UV-Laser, um die kosmische
Strahlung zu simulieren. Zur Überraschung der Wissenschafter entpuppten
sich die Moleküle als relativ lichtstabil.
Höhere Stabilität als erwartet
Erst vor wenigen Jahren haben Forscher der
Universität Harvard Anionen aus Kohlenstoff und Wasserstoff entdeckt,
die inzwischen überraschend häufig in verschiedenen Gebieten der
Milchstraße gefunden wurden. Zuvor konnte man sich gar nicht recht
vorstellen, dass es in interstellaren Wolken auch negativ geladene
Teilchen gibt, so Wester. Ihre Entstehung sei vermutlich ein sehr
ineffizienter Prozess, da sie viel instabiler sind als positiv geladene
Ionen oder neutrale Moleküle, sagte Wester. Allerdings konnten die
Innsbrucker Wissenschafter in ihrer Apparatur nachweisen, dass die
Anionen stabiler sind als man bisher aufgrund von Schätzungen angenommen
hatte.
Die Ionen spielen bei der Entstehung elementarer
Moleküle eine entscheidende Rolle. Sie sind dafür verantwortlich, dass
bei der extremen Kälte des Weltalls überhaupt chemische Reaktionen
ablaufen. Sie sorgen dafür, dass sich sogar bei Temperaturen von fünf
bis 50 Grad Kelvin (minus 223 bis 268 Grad Celsius) in den überwiegend
aus Wasserstoff bestehenden interstellaren Wolken erste Kettenmoleküle,
vor allem aus Kohlenstoff und Wasserstoff, bilden können.
(APA/red, Bild DPA/APA)
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