15. November 2011 - 11:38 | Thea
Die teilzentrale, standardisierte Reifeprüfung soll die
Prüfungsleistungen beim schriftlichen Teil der Matura besser als bisher
vergleichbar machen. Beim Fach Deutsch - neben Mathematik und
Fremdsprachen ab 2014 an AHS und ab 2015 an berufsbildenden höheren
Schulen (BHS) geplant - dürfte das allerdings nicht so einfach sein. Bei
einer Fachtagung zur Deutsch-Zentralmatura, die vom
Unterrichtsministerium, dem für die Erarbeitung zuständigen
Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) und der IG Autoren
organisiert wurde, zeigten die Referenten in ihren der APA vorliegenden
Vorträgen diverse Schwachstellen auf.
Ziel der Zentralmatura ist es, dass die Schüler
"mit nahezu jedem literarischen und nicht-literarischen Text analytisch
und interpretatorisch umgehen können" , wie Juliane Köster,
Deutschdidaktikerin der Uni Jena es formuliert. Anstelle eines Kanons an
Werken sollen die Schüler nunmehr einen Kanon an "literarischen
Umgangsformen" beherrschen. Eine "innovative Idee", wie Köster meint.
Das Beherrschen der bei der Zentralmatura gefragten Kompetenzen
(Erkennen verschiedener Genres etc.) setze aber nicht nur
differenziertes Wissen, sondern auch "sehr viel Übung" voraus. Bei einer
Zentralmatura könne deshalb nicht alles vorausgesetzt werden, es
brauche eine klare Einschränkung - egal ob in Form von Literaturepochen,
bestimmten Werken oder "Instrumenten" der Textanalyse.
Sorge um Literaturvermittlung
AHS-Direktor, Lehrbuchautor und Essayist Christian
Schacherreiter sorgt sich indes darum, dass die Literaturvermittlung an
den Schulen leiden könnte. Er warnt davor, dass Literatur bei der
Zentralmatura nur noch Mittel zum Zweck sei. "Gibt es nur mehr Aufgaben,
in denen Literatur in ein pragmatisches Setting eingebunden wird, dann
nimmt man der Literatur ihren Eigenwert", sagt Schacherreiter. Dies sei
umso bedenklicher, als die Art der Aufgabenstellung bei der Matura
"selbstverständlich Rückwirkungen auf Inhalte und Methoden des
Literaturunterrichts" habe.
Würden Textauswahl und Aufgabensetting von
Schulbüchern ausschließlich am Kompetenzkanon für die Zentralmatura
ausgerichtet, "würde dies zu einer bedenklichen Verarmung des
Lektüreangebots führen, die der Vielfalt von Literatur in keiner Weise
mehr gerecht wird". Schacherreiters Forderung daher: Zumindest eine
Aufgabestellung bei der Zentralmatura muss die Interpretation
literarischer Texte in einem freien Schreibprozess, allerdings basierend
auf methodischen Zugängen, umfassen.
Auch Ludwig Laher von der IG Autoren sieht den
differenzierten Literaturunterricht in Gefahr, wenn Literatur bei der
Reifeprüfung gar nicht mehr oder bloß als Impuls vorkomme. Mittlerweile
sei der IG jedoch zugesichert worden, dass "von Zeit zu Zeit"
literarische Themen angeboten würden, die kreatives Schreiben
beinhalten. Beispiele dazu kenne er allerdings nicht, kritisiert Laher.
Denn: "Auch in diesem Bereich kann vieles schiefgehen."
Keine völlige Objektivität
Allerdings ortet er noch weitere Gefahren. So führe
die Tatsache, dass AHS und BHS trotz unterschiedlichen Fächerkanons die
gleichen Themen zur Matura bekommen, zu einer "völlig unnötigen
Verengung". Und auch trotz Bewertungsraster seien "unzulässige
Subjektivitätsexzesse" bei der Matura weiter möglich, hier könne nur ein
Zweitbegutachter, im Idealfall von einer anderen Schule, Abhilfe
schaffen. Dass es eine Reform der Matura braucht, ist für die IG Autoren
unbestritten. "Wogegen wir uns aber wehren, ist eine Legendenbildung,
die Zentralmatura bedeute automatisch Gerechtigkeit und Transparenz."
(APA/red, Bild APA)
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